Bergbau und Energie

Sie sind hier: Startseite -> Zeitungsartikel -> Ein Stadtteil am Tropf

Süddeutsche Zeitung, Nordrhein-Westfalen
Sonnabend, 13.04.2002

NRW-REPORT
Gelsenkirchen und die Probleme mit dem Strukturwandel

Ein Stadtteil am Tropf

Nachdem auf der Zeche Consol die letzte Schicht gefahren war, verbitterten viele Menschen In Bismarck - Grund zur Hoffnung gibt es aber noch

Von Jan Pehrke

Gelsenkirchen - Fleischermeister Gustav Vordenbäumen hat lange durchgehalten, doch jetzt geht es nicht mehr. Er steht an der Wursttheke, schaut in Richtung Fenster und sagt dann: "Bismarck ist tot." Anfang der 80er Jahre kam Vordenbäumen aus Bochum und fand einen blühenden Gelsenkirchener Stadtteil vor. Die Geschäfte liefen gut, die Leute waren freundlich. Jetzt gibt er auf, sucht einen Käufer für das Haus und will dann in den Norden von Gelsenkirchen ziehen. Ein paar Häuser weiter stimmt Christian Bertel in das Klagelied des Fleischers mit ein. "Sie kriegen hier kein Leben mehr rein", sagt er. Von der Fassaden-Verschönerung, die jetzt für seine Straße geplant ist, erhofft er sich nichts mehr. Vielmehr hat der Tabakhändler Angst, dass die dafür notwendigen Straßensperrungen ihm auch noch die letzten Kunden vergraulen.
Bertels Geschäft liegt an der Bismarckstraße, der Hauptader des Stadtteils. Die Spielhallen-Dichte ist extrem hoch, viele Ladenlokale stehen leer, selbst einen Aldi-Markt sucht man vergebens. Nur die Gaststätte "Zum Revier" kündet noch vom alten, rußigen Glanz des Viertels, den bis Ende 1993 die Zeche Consol wenige Häuserblocks entfernt verbreitet hatte: Die "Bergmannspfanne" - Nackensteak mit Bratkartoffeln, Erbsen und Wurzeln - steht nach wie vor ganz oben auf der Speisekarte. Wer das Restaurant verlässt und wieder auf der Straße steht, steht oft allein da: Menschen begegnet man selten in dieser Straße.
Deutlicher als anderswo in Gelsenkirchen wird in Bismarck spürbar, dass die Stadt seit Mitte der 80er Jahre 140 000 seiner einstmals 400 000 Einwohner verloren hat. Eine Entwicklung, die Anfang der Woche auch im Mittelpunkt einer Abgeordnetenkonferenz der CDU in Mülheim stand. Die Bürgermeister, die dort zusammen gekommen waren, trugen beängstigende Zahlen vor und kamen zu einem ernüchternden Schluss: Die Städte im Ruhrgebiet sterben langsam, aber sicher aus.

Letzte Schicht
"Wir sind verlassen von Gott und der Welt", sagt auch Tabakhändler Bertel. "Und jetzt geht auch noch der Plus-Markt, weil nicht mehr genügend Käufer da sind." Auf der Straße, auf der man früher selbst Schrauben einzeln kaufen konnte, wie sich eine Passantin wehmütig erinnert, rechnet sich nicht einmal mehr das Geschäft mit Lebensmitteln. Seitdem der Supermarkt Ende letzten Jahres geschlossen hat, bleibt Christian Bertel die Laufkundschaft aus. Die Leute fahren jetzt am Wochenende zum Großeinkauf auf die grüne Wiese, erledigen dort alles und holen sich bei ihm am Montag nur noch die Lotto-Gewinne ab.
Das Herz Bismarcks geriet ins Stocken, nachdem im November 1993 auf der Zeche Consol die letzte Schicht gefahren war. Die Todes-Urkunde hat das Bergamt Gelsenkirchen erst Anfang März ausgestellt, als es seine Bergaufsicht über das ehemalige Zechen-Gelände offiziell für beendet erklärte und so die Geschichte des Bergbaus in der Stadt besiegelte.
Kurz nach der Reichsgründung war Consol für einige Zeit die größte Zeche Europas. Im vergangenen Jahrhundert erreichten die Höhe des Förderturms von Schacht 9 und das Ausmaß der Förder-Maschine Bergbau-Rekordmarken. Heute erzielt in Bismarck nur noch eines Rekorde: die Arbeitslosigkeit. Zurzeit liegt sie bei über 20 Prozent. Nach der Schließung von Consol, die das Debakel verursacht hat, zog jeder weg, der noch die Kraft hatte oder es sich leisten konnte. Zu den verbliebenen Armen kamen nur neue Arme hinzu. Der Ausländer-Anteil beträgt heute 30 Prozent.

Die Beiß-Hemmung
Eine Zeit lang hat Fleischermeister Vordenbäumen versucht, konstruktiv mit der neuen Situation umzugehen. Er nahm Hammelfleisch in sein Sortiment auf und gewann die Türken aus den hinter der Bismarckstraße liegenden tristen Zechensiedlungen als Kunden hinzu. Bald aber begannen die Deutschen zu fragen, ob er jetzt nicht nur Schweinefleisch-Reste, sondern auch Hammel-Überbleibsel in seiner Wurst verarbeite. Vordenbäumen mochte sich noch so sehr für die 1a-Qualität des Hammelfleisches verbürgen, die Stammkunden entwickelte eine skeptische Haltung gegenüber dem Angebot. Aus war es mit der multikulturellen Fleischerei. "Wir Geschäftsleute haben ja vieles versucht", sagt er. "Aber wir sind gescheitert." Jetzt könne eigentlich nur noch ein Wunder helfen.
An einem Wunder für Bismarck wird auch dort gearbeitet, wo früher einmal das Herz des Stadtteils schlug, auf dem 25 Hektar großem Gelände der ehemaligen Zeche Consol. Bauarbeiter werkeln jetzt im Bauch des riesigen roten Fördergerüstes von Schacht 9 herum. Von dem daneben liegenden Beton-Förderturm haben sie schon eine Außenwand abgetragen. Durch das Treppenhaus, das im Gebäude-Gerippe zu sehen ist, sollen später einmal Musiker in die neu eingerichteten Proberäume des Maschinenhauses gelangen.
"Von der Kohle zur Kunst" heißt das Motto. Die Lüfter-Maschinenhalle von Schacht 4 nutzt schon jetzt ein Kinder- und Jugendtheater, in das Maschinenhaus von Schacht 9 zieht bald die Bergbau-Kunst Werner Thiels ein. Zum Kunstobjekt wird auch der hoch aufragende Doppelbock-Förderturm des Schachtes selbst. Das Wahrzeichen Bismarcks soll in naher Zukunft zur Licht-Skulptur und so auch zu einer Art Symbol für Bismarcks Hoffnungsschimmer werden.
Die Nachfolge-Nutzung des Consol-Areals ist Teil des Programms für "Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf". Mit etwa 65 Millionen Euro, unter anderem aus Bundes- und Landes-Töpfen, sollen 80 Einzelprojekte dem Stadtteil neues Leben einhauchen. Zu einem Vorzeige-Projekt gelangt man, wenn man von der Bismarckstraße aus den "Trinenkamp" hoch geht. Nach dem Durchstreifen einer Kleingarten-Kolonie geht es vorbei an einem kleinen Denkmal, das die Laubenpieper Consol gesetzt haben - eine Lohre mit der Aufschrift "Letzte Schicht 30.11.93". Dann tauchen unvermittelt eine Reihe von Holzhäuschen auf, umgeben von einer Sportanlage. Manche haben begrünte Dächer, einige sind etwas windschief konstruiert, andere wiederum nah am Wasser eines kleinen Teichs gebaut.
Was viele Besucher an eine Ferienhaus-Siedlung erinnert, ist die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck. Nicht umsonst war der Komplex Teil der Internationalen Bauausstellung. Aber so modern er aussieht, so sehr ist die Schule doch dem besonderen Charakter Bismarcks verpflichtet. Sie achtet streng darauf, dass die Zusammensetzung der Schülerschaft der Bevölkerungsstruktur des Stadtteils entspricht und nimmt jedes Jahr zu knapp einem Drittel Kinder muslimischen Glaubens auf.
Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft zu fördern, steht auf dem Lehrplan der Schule ganz oben. Das zur Schule gehörige Gebetshaus nutzen Muslime, Katholiken und Protestanten gemeinsam. Es ist grün gestrichen und in Richtung Mekka gebaut. Das stört die wöchentlich einmal zum Gebet mit den Schülern eintreffenden katholischen und evangelischen Geistlichen ebenso wenig wie den Imam das Kreuz an der Wand.
Das soziale Klima an der Gesamtschule soll einen Wärmepol in Bismarck bilden. In dem Stadtteil, der von Arbeitslosigkeit, hoher Fluktuation, problematischen Familien-Verhältnissen und vielen allein erziehenden Elternteilen geprägt ist, will sie verlässliche Strukturen bieten. Jede Klasse wird über einen Zeitraum von sechs Jahren hinweg vom selben Lehrer-Paar betreut. Aufgrund schlechter Noten muss keiner den Verband verlassen. "Eine Familie kann sich ihrer Mitglieder wegen irgendwelcher negativer Eigenschaften ja auch nicht einfach entledigen", sagt Schulleiter Rainer Winkel. Wie vieles in Bismarck ist die Einrichtung noch ein "work in progress", und deshalb können die Schüler die jährlich neu hinzukommenden Schulhäuser sogar mitplanen und mitgestalten. "Identifikation durch Partizipation" heißt das im Pädagogen-Deutsch und hält die Gewalt- und Vandalismus-Rate rund um die Schule auf einem äußerst niedrigen Niveau.
Die Architekten planten aber nicht nur Schüler-freundlich, sondern auch ökologisch. Die Nutzung von Sonnenenergie gehörte dabei zum Pflicht-Programm. So wirbt die Schule gemeinsam mit den bunt gestrichenen Energiespar-Häusern in der Nachbarschaft für den Solar-Standort Gelsenkirchen. Auch auf Consol hat ein Solar-Untemehmen aus Düsseldorf schon ein Grundstück erworben. Selbst Bismarcker wie Fleischermeister Vordenbäumen und Tabakhändler Bertel, die den Strukturwandel kritisch beäugen, bekunden stolz: "Zumindest in Solar sind wir ja führend."

Meteoriten Im Kumpelland
Die Solar-Siedlung, die evangelische Gesamtschule, die Baustelle Consol und andere Projekte wie das Gesundheitshaus wirken auf den Außenstehenden noch wie Meteoriten, die unvermittelt ins frühere Kumpelland eingeschlagen sind. Unter den einzelnen Einrichtungen selber bestehen aber schon Verbindungen. Die Gesamtschule beherbergt das Stadtteil-Büro, hat gute Kontakte zum Kinder- und Jugendtheater und steht in Austausch mit dem Gesundheitshaus. Sogar Hochzeitsfeiern finden in der Lehranstalt statt. So soll sich einmal ein neuer Zusammenhalt im Viertel entwickeln. Einstweilen sorgt noch allein Schalke 04 dafür, dass die metaphysische Obdachlosigkeit der Bismarcker nicht grenzenlos wird.
Ob der Patient Bismarck auch dann wieder auf die Beine kommt, wenn das Programm "Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf" in zwei Jahren ausläuft und der "therapeutische Tropf", wie Irmgard Schiller vom Stadtteilbüro es nennt, abgenommen wird, bleibt fraglich. Einige Projekte bangen um ihre Existenz. Angesichts der angespannten Finanz-Situation kann die Stadt Gelsenkirchen die Betriebskosten für die neu geschaffenen Einrichtungen unmöglich allein aufbringen. Trotzdem schauen die meisten Stadtteil-Erneuerer optimistisch in die Zukunft. Mutig sprechen sie von der "zweiten Phase", die 2004 nach dem Auslaufen des Programms für Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf beginnt. "Man darf die Hoffnung nicht aufgegeben", sagt Schiller.

nach oben       zurück